Brustkriechen - Breastcrawl

 

Die schwedische Ärztin Ann-Marie Widström beschreibt neun Stufen instinktiven Verhaltens, die Neugeborene in den ersten beiden Stunden nach der Geburt nehmen, wenn diese in unmittelbarem und direktem Hautkontakt mit ihren Müttern verbleiben. Sie hebt die Bedeutung des ungestörten Haut-an-Haut-Kontaktes von Mutter und Kind für das Stillen hervor. Ein Baby kann dabei alle neun Stufen wie beschrieben durchlaufen, aber auch nur einzelne - in einer unterschiedlicher Reihenfolge. Die Zeitangaben sind Durchschnittswerte von 28 Kindern der Studie von Dr. Widström.


Sollte das Brustkriechen unmittelbar nach der Geburt nicht möglich (gewesen) sein: Alle Reflexe, die das Baby dafür braucht, sind ein paar Wochen lang aktiv (Kriech- und Schreitreflex, Such- und Einstellreflex, Saugreflex). Dadurch kann ein Baby diese Erfahrung eine ganze Weile nach- und wiederholen. Dafür bietet es sich an, das Baby nackt, evtl. noch nass nach einem kurzen Bad, auf den nackten Oberbauch, mit dem Kopf zwischen die Brüste zu legen. Zeigt ein Baby trotz Hunger und ausreichender Zeit und Gelegenheit keinerlei Motivation, eigenständig zur Brust zu gelangen und/oder eigenständig die Brust zu erfassen, dann belassen Sie es dabei. Nicht bei allen Kindern sind alle Reflexe und Verhaltensweisen gleich stark ausgeprägt - das ist biologische Vielfalt. Solchen Kinder brauchen dann einfach einfühlsame und helfende Mütter.



Stufe 1: Der erste Schrei

Er kommt meist unmittelbar nach der Geburt, wenn das Baby beginnt zu atmen, und bedeutet nicht zwingend, dass dem Baby nicht wohl ist.


Stufe 2: Entspannung

Während dieser Phase zeigt das Baby keine Mundbewegungen und die Hände sind entspannt und offen. Das Baby liegt Haut an Haut auf/an/bei seiner Mutter, zugedeckt mit einem Handtuch oder einer leichten Decke.


Stufe 3: Erwachen

Diese Phase beginnt meist nach drei Minuten. Hellwach wird nun das Neugeborene. Es öffnet seine Augen und bewegt seinen Mund. Es beginnt seinen Kopf und die Schultern zu bewegen und sich zu orientieren.


Stufe 4: Aktivität

Etwa acht Minuten nach der Geburt erwachen die Suchreflexe des Babys. Das äußert sich durch:


  1. offene Augen

  2. Anschauen der Brust

  3. Speichelfluss

  4. Suchbewegungen mit dem Kopf bzw. Mund - von links nach rechts, aber auch frontal

  5. Stecken der Hand in den Mund

  6. Greifen nach der Brust

  7. Herausstrecken der Zunge

  8. Blickkontakt zur Mutter

  9. Brustmassage mit ein oder zwei Händen


Stufe 5: Ruhen

Phasen der Aktivität wechseln mit Phasen der Ruhe - während jeder beschriebenen Stufe.


Stufe 6: Kriechen

Nach etwa 35 Minuten beginnt das Baby aktiv zur Brust zu kriechen - oder zu rutschen, sich zu schieben und zu stemmen, sich schwungvoll zu ihr hin zu werfen - bis es sie erreicht. Das kann eine Weile dauern und erfordert für viele Anwesende Geduld und Zurückhaltung, um nicht unnötig und störend einzugreifen - und es erfordert Vertrauen in die Fähigkeiten des Babys.


Stufe 7: Sich vertraut machen

Während dieser Stufe (ca. 45 Minuten nach der Geburt) lernt das Baby den Geruch der Mutter näher kennen, indem es an der Brustwarze leckt und riecht, die Brust berührt und massiert. Immer wieder sucht es den Blickkontakt zur Mutter, es schaut sich auch mal um. Es saugt zwischendurch an seiner Hand. Es gibt Kontaktlaute von sich. Das alles kann 20 Minuten dauern.


Stufe 8: Saugen

Jetzt endlich saugt das Baby eigenständig und genüsslich. Es bekommt seine erste Mahlzeit. Diese Lernerfahrung ist sehr wichtig für das richtige (An)Saugen.

Wenn die Mutter während der Geburt Schmerz- oder Betäubungsmittel bekommen hat, kann es länger dauern, bis das Baby die einzelnen Stufen nehmen kann, um hier anzukommen.


Stufe 9: Schlafen

1,5 bis 2 Stunden nach der Geburt schläft das Kind ein - und je nach Möglichkeit auch die Mutter. Beide erholen sich eng beieinander.




Ann-Marie Widström betont, wie wichtig es ist, dass ein Kind in seinem Tempo diese Stufen nehmen kann, OHNE dass das Stillen forciert oder angeleitet wird oder das Baby für Routinemaßnahmen wie Wiegen und Messen von der Mutter weggenommen oder z.B. durch Abnabeln gestört wird. Ununterbrochener Hautkontakt von Mutter und Kind, vom Moment der Geburt bis zum ersten Stillen macht einen Unterschied - für die Einfachheit des Stillens, für das Wohlbefinden von Mutter und Kind, für das Bonding, die Eigenregulation des Kindes und vieles mehr.


Die „Neun Stufen“ wurden am 14.09.2010 veröffentlicht, online in „Acta Paediatrica“




Eine Video-Sammlung gibt es hier:


http://www.youtube.com/playlist?list=PLcJcnxkZNqProVzykHV2t3O6bbaI7sPZJ



© Sonia Sampaolo     www.inGeborgenheit.de