Tragen

 

Babys sind Traglinge


Als Angehörige der Primaten kommen auch unsere Babys nicht als Nesthocker oder Nestflüchtlinge, sondern als aktive Traglinge zur Welt. Sie sind an beständigen Körperkontakt während der ersten Monate angepasst und an eine Tragzeit, die insgesamt mehrere Jahre dauert (und das gemeinsame Schlafen in der Nacht einschließt). Am Körper seiner tragenden Bezugspersonen bekommt ein Baby zahlreiche Entwicklungsanreize, auf physischer wie psychischer Ebene.


Benannt hat den Tragling Bernhard Hassenstein bereits (eigentlich: erst) im Jahr 1970. Im Jahr 2003 durfte ich miterleben, wie der Nachwuchs von Säugetieren ausschließlich Nesthockern oder Nestflüchtern zugeordnet wurde - von einem Anthropologen aus der Schweiz, der in der Hamburger Universität die Blockvorlesung „Einführung in die Primatologie“ hielt... Wenn Sie also immer noch Vorurteilen gegenüber dem Tragen von Babys und Kleinkindern begegnen, wundern Sie sich nicht.


Tragehilfen könnten schon die ersten Vormenschen verwendet haben - seitdem wir kein Fell mehr haben, in dem sich unsere Kinder festhalten können und seitdem unsere Kinder deutlich größer und schwerer und als physiologische Frühgeburt zur Welt kommen. Noch heute sind Tragehilfen weit verbreitet und es werden global betrachtet mehr Kinder getragen, als geschoben und abgelegt. Jede menschliche Kultur hat ihre Tragekultur und Tragehilfen. Meist sind es Schlingen und Tücher.


Hier bei uns sind Tragehilfen langsam wieder normal geworden, nachdem sie etwa 200 Jahre aus der Mode waren - und es gibt mittlerweile eine große Auswahl an Arten und Modellen. Jedoch sind nicht alle für das Kind gesund. Es braucht die Spreiz-Anhock-Haltung, sollen seine Hüfte sowie sein Rücken vom Getragenwerden profitieren. Hängen die Beine herunter oder sind sie nur wenig angewinkelt, schadet das Tragen hier eher (immerhin jedoch bekommt das Baby Nähe und verschiedene Sinnesreize).


Am ehesten gewährt das Tragetuch die Spreiz-Anhock-Haltung. Anfangs sollen die Knie des Babys auf Höhe seines Bauchnabels sein. Mit der Zeit wird das Anhocken weniger. Mit etwa einem halben Jahr können Babys bei Bedarf in Komforttragen o.ä. wechseln, auch hier soll der

Steg von Kniekehle zu Kniekehle reichen, die Anhock-Haltung gewährleistet sein.




Hüftdysplasie


Bei Neugeborenen ist die Hüfte mehr oder weniger unreif. Um gesund weiter- und auszureifen, ist die Spreiz-Anhock-Haltung für mehrere Stunden, verteilt über den Tag optimal. Im korrekt gebundenen Tragetuch geht dies nebenbei und auf angenehme Weise. So lassen sich Hüftdysplasien und -luxationen vorbeugen und auch behandeln. Eine Hüftdysplasie ist eine überdurchschnittliche Unreife - die oft vorsorglich und überbehandelt wird.


Einfaches Tragen über den Tag verteilt schon in den ersten Wochen kann vielen Kindern Sitz-Hock- und Spreizhose ersparen. Sollte bei Ihrem Kind eine Reifeverzögerung festgestellt werden, fragen Sie nach, ob Sie das Tragen als Therapie anwenden können, evtl. im Wechsel mit konservativen Behandlungsmethoden. Holen Sie sich im Zweifelsfalle eine Zweitmeinung.


Neben dem Tragen ist das richtige Lagern wichtig für Kinder mit sehr unreifen Hüften: Sie sollten nicht oft oder lange auf dem Bauch liegen. Jede Streckung der Beine sollte unterbleiben. Bei der Lagerung auf dem Rücken, kann eine zusammengerollte Decke, ein Stillkissen o.ä. unter den Knien dafür sorgen, dass die Beine angewinkelt ruhen - so wie ein Baby seine Beine anzieht, wenn es ohne Windel liegt.


Artikel von Dr.med. Ewald Fettweis: Auf Mamas Hüfte reiten

 

Ein drei Monate altes Mädchen in der Spreiz-Anhock-Haltung.   © Didymos